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Foto: Deutsche Post

Streetscooter

Die Post kann auch Auto

Die Deutsche Post baut Produktion des Streetscooter aus, denn die E-Transporter haben sich in der Praxis bewährt.

War das gerade eben ein rollendes Postpaket? Wird man als Radfahrer oder Fußgänger von einem Streetscooter überholt, schießt einem diese Frage durch den Kopf. Die Assoziation kommt nicht von ungefähr und ist vielleicht sogar gewollt. Die von der Deutschen Post DHL gefertigten Elektro-Lieferwagen erinnern durch ihren flachen Aufbau von hinten tatsächlich ein wenig an ein Postpaket.

Künftig wird einem diese neue Fahrzeugspezies noch häufiger begegnen. Denn die Post hat mit ihrem elektrischen Lieferwagen große Pläne. Vor fünf Jahren erst hatte der Konzern ein Pilotfahrzeug vorgestellt. Zuvor hatte er sich die Firma Streetscooter einverleibt, ein Start-up der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen mit dem Auftrag, E-Fahrzeuge für die Praxis zu bauen. Inzwischen sind 1.000 dieser Lieferwagen vom Band gerollt.

Form follows function – bei einem KEP-Fahrzeug mehr denn je

800 davon sind schon länger im Probeeinsatz und haben zusammen rund eine Million Kilometer bewältigt. Ohne Probleme, wie Streetscooter-Chef Prof. Dr. Achim Kampker (siehe Interview rechts) bilanziert. Gefertigt werden die Fahrzeuge bei Talbot Services in Aachen. Die Konzeption und Montagelinie stammen von den Streetscooter-Experten. Die Reichweite liegt bei rund 80 Kilometern, was für die typische Zustelltour von rund 40 Kilometern mehr als genug ist.

Dass sich das Design der Streetscooter deutlich von dem anderer E-Autos unterscheidet, fiel bei der Präsentation des 1.000sten Fahrzeugs auch Bundes­umwelt­minis­te­rin Barbara Hendricks (SPD) auf. "Auf den ersten Blick ist das Fahrzeug nicht besonders schnittig, wie man es zum Beispiel von den Neuheiten auf einem Auto-Salon gewohnt ist", sagte sie. Andererseits komme es darauf gar nicht an, weil die Deutsche Post DHL ein praktisches und für ihre Zwecke geeignetes Fahrzeug bauen wollte. Das Design ist demnach zweitrangig.

Trotzdem musste Post-Vorstand Jürgen Gerdes natürlich dagegenhalten. "Ich finde das Auto unfassbar schön", erklärte er. Die Liebe zu den gelben Transportern hat bei ihm auch einen Grund: Das Fahrzeug ist nicht zuletzt sein Baby, er hat sich von Anfang an für das Projekt stark gemacht und den Streetscooter selbst immer wieder auf Herz und Nieren getestet. Dass er den Lieferwagen beherrscht, stellte er mit hoher Geschwindigkeit und quietschenden Reifen auch gegenüber den Medien unter Beweis.

Ab 2017 gibt es eine Langversion

Die Präsentation des 1.000sten Fahrzeugs war für Gerdes nach eigenen Worten ein "großartiger Moment". Mit dem Auto gelinge es dem Unternehmen, die vermeintlichen Gegensätze Umwelt und Logistik unter einen Hut zu bringen. Der Post-Vorstand strebt an, in den nächsten Jahren die komplette eigene Zustellflotte durch die E-Fahrzeuge zu ersetzen. Das wären bis zu 15.000 Einheiten im Paket- und bis zu 30.000 Einheiten im Verbundbereich, der die gemeinsame Zustellung von Briefen und Paketen umfasst.
Was die Kapazitäten angeht, fühlt sich die Post dafür gerüstet: Die Produktion ist ab 2017 auf 10.000 Fahrzeuge im Jahr ausgelegt. Angedacht ist die Produktion auch für Dritte. Die endgültige Entscheidung darüber soll in diesen Tagen fallen und spätestens bis Anfang 2017 bekannt gegeben werden. Das Interesse ist offenbar groß: Der direkte Wettbewerb habe zwar noch nicht angefragt, wohl aber Kommunen und Handwerker.

Produzierte die Post bislang den Kastenwagen B 14 mit insgesamt vier Kubikmeter Ladevolumen, wird gegen Jahresende zusätzlich das Modell D 16 mit doppelt so viel Volumen verfügbar sein. Nächstes Jahr will der Konzern mit der Variante E 17 mit Blick auf das Raum­ange­bot dann noch einmal eine Schippe drauflegen.

Dass die Post über ihre Tochterfirma Streetscooter selbst unter die Autobauer gegangen ist, liegt weniger in der Suche nach einem neuen Geschäftsfeld begründet. Ausschlaggebend war vielmehr, dass die etablierten Fahrzeughersteller offenbar kein Interesse hatten, für den weltgrößten Logistikkonzern tätig zu werden. Die Post machte aus der Not eine Tugend und stieg selbst in den Autobau ein. Street­scoo­ter-Chef Kampker spricht aber von einem Sonderfall. "Es geht nicht darum, der Automobilindustrie Konkurrenz zu machen.

9,5 Millionen Euro Fördermittel

Was das Unternehmen bisher in die Elektromobilität investiert hat, verrät Vorstandsmitglied Gerdes nicht. Es seien aber »überschaubare Zahlen«, sagte er. Das Umweltministerium steuert in den nächsten Jahren weitere 9,5 Millionen Euro an Fördergeldern bei. Ministerin Hendricks knüpft daran aber die Bedingung, dass die Erkenntnisse auch anderen zur Verfügung gestellt werden müssen.

Sie begrüßt es, dass sich dank des Engagements des Postkonzerns der Blickwinkel bei der E-Mobilität geweitet habe. Zuvor sei das Thema auf den Pkw beschränkt gewesen. "Dabei brauchen wir gerade im Wirtschaftsverkehr eine Entlastung von Umwelt und Gesundheit", sagte Hendricks. "Die Post setzt ein deutliches Zeichen", würdigte sie.Ein wichtiger Schritt in Richtung Umweltschutz ist also gemacht. Die Entlastung kommt – in Form von rollenden Post­paketen.

Fragen an StreetscooterChef Achim Kampker

Herr Prof. Kampker, 1.000 E-Transporter hat die Post gebaut. Was kann sie, das die Fahrzeugindustrie nicht kann?

Prof. Kampker: Es geht beim Streetscooter nicht darum, der Automobilindustrie Konkurrenz zu machen, sondern wir reden hier über ein Betriebsmittel, das sich perfekt in die Logistik und die letzte Meile integrieren muss. Besonders im Fokus stehen dabei die Effizienz und die Ergonomie.

Sie haben das Projekt als verantwortlicher Professor der RWTH Aachen von Anfang an begleitet. Hätten Sie es sich träumen lassen, dass aus dem Modell einmal eine Serie für den weltgrößten Logistikdienstleister werden würde?

Die Serienfertigung war das Ziel. Insofern ist nun schon ein Traum in Erfüllung gegangen. Wir hatten auf der IAA 2011 einen elektrischen Pkw vorgestellt. Dadurch ist die Deutsche Post DHL auf uns aufmerksam geworden.

Die Automobilhersteller dürften Ihr Projekt mit Argus­augen beobachtet haben. Ist schon einer mit an Bord?

Wir haben ein gutes Verhältnis, es geht nicht um Konkurrenz! Wir wollen mit flexiblen Strukturen schnell agieren und Elek­troautos in ausreichender Stückzahl produzieren, mit denen wir unsere Post umweltfreundlicher und leiser zustellen können.

Schauen Sie sich hierzu regelmäßig andere Transporter­model­le an?

Nein, wir beziehen die Informationen weniger vom Markt als vielmehr von den Zustellern. Wir bekommen unsere Anregungen von ihnen, begleiten sie auf Ausliefertouren und lernen so kontinuierlich, was man besser machen kann.

Sie haben bisher rund 1.000 Streetscooter im Einsatz. Wie haben diese sich in den vergangenen Jahren bewährt?

Sehr gut. Pro Tour fallen 30 bis 40 Kilometer an, das an sechs Tagen in der Woche. Die Fahrzeuge meistern diese Aufgaben problemlos. Wir haben sie auf 80 Kilometer Reichweite und zehn Stunden Betriebszeit ausgelegt, sodass hier keinerlei Schwierigkeiten entstehen. Im Handling haben sich die Fahrzeuge dann ebenfalls bewährt: Die Rückmeldungen der Fahrer fallen prima aus. Sie wollen ihre Fahrzeuge nicht mehr hergeben.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

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Datum

20. Oktober 2016
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