Alles über Abgasskandal
Kat-Nachr�stung Zoom
Foto: Karl-Heinz Augustin

SCR-Kat-Nachrüstung für Euro-5-Diesel

Nachrüstlösungen im Praxistest

Der ADAC zeigt an Euro-5-Dieselfahrzeugen, dass sich mit nachträglich eingebauten SCR-Kats der Stickoxid-Ausstoß kräftig senken lässt.

Der ADAC hätte sich keinen prominenteren Ort für die Präsentation seines Projekts "NOx-Reduzierung an Euro-5-Dieselfahrzeugen durch Hardwarenachrüstung" aussuchen können: das Stuttgarter Neckartor. Den Hauptsitz des ADAC Württemberg, der ausgerechnet an Deutschlands dreckigster Verkehrskreuzung steht. Seit Jahren werden dort die Stickoxid-Immissionsgrenzwerte überschritten. Als Hauptursache werden nicht nur ältere Dieselfahrzeuge angeprangert, sondern auch Euro-5-Modelle. Denn dass deren Abgaswerte meist nur in der Theorie stimmen, beschäftigt Politik, Fahrzeugindustrie, Autofahrer und Bewohner der abgasbelasteten Regionen gleichermaßen. Bekanntlich versuchen die Hersteller mit Software-Updates den Schaden zu beheben, doch laut dem ADAC lassen sich Stickstoffemissionen so nur um rund 30 Prozent reduzieren. Das genügt noch nicht einmal, um die Vorgaben der EU einzuhalten.

Vier Nachrüster: Dr. Pley, HJS, Oberland-Mangold und TwinTec

Deshalb untersuchte der ADAC, ob das bei älteren Fahrzeugen mit nachgerüsteten SCR-Kats besser klappt. Der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann unterstützte das Projekt finanziell. Und das Ergebnis, das kurz vor dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig zum Thema Fahrverbote präsentiert wurde, bereitete ihm sichtlich Freude. Denn der ADAC kommt zum Ergebnis, dass sich durch die Nachrüstung der Ausstoß von Stickoxiden von Euro-5-Fahrzeugen um rund 50 Prozgent senken ließe. Bei Betriebstemperatur sank der Stickoxid-Ausstoß im Stadtverkehr sogar um 70 Prozent.

Für den Test wurden im September 2017 vier zwischen einem und fünf Jahre alte Euro-5-Fahrzeuge gekauft. Die Wahl fiel auf Mercedes B 180 CDI, Opel Astra Sports Tourer 1.7 CDTI, VW T5 Multivan 2.0 TDI und einen Fiat Ducato 2.3 Multijet, je mit 20.000 bis 95.000 Kilometern auf dem Tacho. "Alles Modelle, die in hohen Stückzahlen unterwegs sind", betont Dr. Reinhard Kolke, Leiter Test und Technik des ADAC.

In einem ersten Schritt wurden im Technik-Zentrum Landsberg die Emissionen im Serienzustand gemäß dem neuen WLTP-Zyklus gemessen. In dem zweiten Schritt schraubten die Ingenieure den vier Testwagen aufwendige Messarmaturen auf das Heck und schickten sie auf die Straßen. Kolke: "Die realen Stickoxidemissionen lagen zum Teil dramatisch über den gesetzlichen Grenzwerten."

Anschließend kamen die vier Abgasspezialisten Dr. Pley, HJS, Oberland-Mangold und TwinTec zum Zug. Die Unternehmen entwickeln seit Jahren Abgasanlagen. Sie verbauten in den Testwagen Prototypen von SCR-Anlagen samt Harnstoffeinspritzung. Der Einbau war zwar etwas schwierig, da die Ingenieure Platz für den Adblue-Tank finden mussten und alle Fahrzeuge vom Hersteller gewichts- und platzoptimiert entwickelt wurden. Geklappt hat es trotzdem.

Bis zu 88 Prozent weniger NOx

Anschließend wurden erneut die Emissionen ermittelt. Nach WLTP gemessen, betrug die Minderung bei einem Kaltstart im Stadtverkehr zwischen 44 und 61 Prozent. Außerorts ergaben sich Einsparungen zwischen 78 und 88 Prozent. "Auch im RDE-Standard wurden Reduzierungen festgestellt, allerdings zeigte sich, dass die SCR-Nachrüstungen bei niedrigen Temperaturen noch Optimierungspotenzial haben", erläutert Kolke.

Erkauft werden die niedrigeren Stickoxid-Werte mit etwas höheren CO2-Emissionen, da die Fahrzeuge durch die erfolgte SCR-Nachrüstung ein bis sechs Prozent mehr Sprit verbrauchen. Die Nachrüstung kostet je nach Anbieter zwischen 1.200 Euro und 2.750 Euro netto inklusive Einbau. Dr. Reinhard Kolke geht davon aus, dass sich die Kosten für Nachrüstanlagen eher in dem oberen Drittel bewegen werden. Zusätzlich müssen Autofahrer Ausgaben für den Harnstoff Adblue einkalkulieren, ohne den die SCR-Katalysatoren nicht arbeiten könnten. Pkw verbrauchen je nach Modell zwischen 1,5 und 3 Liter pro 1.000 Kilometer, wobei die Preise extrem schwanken. An der Zapfsäule ist ein Liter bereits für knapp 60 Cent zu bekommen, im Kanister kostet er bis zu sechs Euro.

ADAC: Autohersteller sollen die Nachrüstung bezahlen

Wer aber soll die Kosten für die Nachrüstanlagen übernehmen? Die Projektpartner jedenfalls sind sich einig und sehen die Fahrzeughersteller in der Pflicht. "Sie haben schlechte Qualität geliefert und die Grenzwerte nicht eingehalten", erklärt Hermann. Leben könnte er auch mit einem Fonds, aus dem die Umrüstungen finanziert werden. Hermann kritisiert Hersteller, die behaupteten, dass ältere Diesel-Modelle nicht umgerüstet werden könnten. Sie argumentieren, dass es beispielsweise keinen Platz gäbe für den Harnstofftank. Dass es mit etwas gutem Willen und technischem Sachverstand doch klappt, zeige der Test, sagt Dieter Roßkopf, Vorstandsvorsitzender des ADAC Württemberg.

Wie Winfried Hermann sieht auch er jetzt den Gesetzgeber in der Pflicht: "Es müssen schnell gesetzliche Rahmenbedingungen für die Zertifizierung und die Überprüfung von SCR-Nachrüstlösungen festgelegt werden." Beide appellieren an die Kooperationsbereitschaft der Autohersteller. Konkret geht es um Fahrzeugdaten, die für die einwandfreie Funktion des Nachrüstsystems unabdingbar seien. Roßkopf mahnt: "Der Verbraucher kann erwarten, dass die Industrie die Verantwortung für die Produkte übernimmt, die sie bis vor Kurzem unter dem Siegel der Umweltverträglichkeit verkauft haben." Schließlich ende die Kundenbeziehung nicht mit dem Verkauf des Fahrzeugs. 

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Datum

12. März 2018
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