Nissan Micra 16 Bilder Zoom
Foto: Nissan

Fahrbericht Nissan Micra

Wie aus dem Ei gepellt

Kugelrund, langweilig, ein Allerweltsauto: Das war der Nissan Micra früher. Der Neue ist ein ausdrucksstarker moderner Kleinwagen – ganz nach dem Geschmack der Europäer.

Den letzten Micra hatte Nissan in die Hände der Inder gegeben. Die entwarfen und bauten ihn im Renault-Nissan-Werk in Chennai den eigenen Vorlieben entsprechend. Das hohe Dach, das den Kleinwagen wie eine rollende Skilift-Gondel ausschauen lässt, erfüllt daher einen Zweck: Inder können mit Turban auf dem Kopf fahren – knitterfrei versteht sich. In Europa kam das kugelrunde Etwas allerdings gar nicht an, der Micra floppte. Für Nissan stand daher fest: Für Europa muss ein eigenes Modell her.

Versteckte Türgriffe und ein frei schwebendes Dach

Micra Nummer 5 steht ab März beim Händler und ist kein Langweiler mehr, eher ein Aufreißer. Es braucht ein paar Minuten, bis das Auge alle Rundungen, die vielen Kanten und die ganzen Designspielereien verarbeitet. Da wären die versteckten Griffe der hinteren Türen – ein Gimmick vom Renault Clio. Die mit schwarzem Lack wegretuschierten C-Säulen, die das Dach hinten optisch frei schweben lassen. Die abstehenden Heckleuchten à la Nissan Juke. Oder die spitz zulaufende Haube, die in den V-förmigen, tief nach unten gezogenen Kühler übergeht.

Bei den Proportionen rückt der Micra Konkurrenten wie Ford Fiesta und VW Polo näher. Nissan hat seinen Kleinwagen auf vier Meter (plus 17 Zentimeter) gestreckt, acht Zentimeter in die Breite gezogen und das Dach circa sechs Zentimeter abgesenkt. Die geringere Dachhöhe stört nicht, Turban-Träger sind hierzulande schließlich die Ausnahme. Der Nissan ist sogar geräumiger als vorher, weil die auseinandergezogenen Türen mehr Freiraum um die Schultern schaffen. Lediglich auf den Rücksitzen müssen sich über 1,85 Meter große Kollegen mit Druckstellen anfreunden.

300 Liter Ladevolumen schafft in diesem Segment kaum ein Wettbewerber. Das Wochenendgepäck für vier Personen passt ebenso spielend hinein wie der wöchentliche Supermarkteinkauf. Einziges Manko ist die sehr tiefe Ladekante. Schon beim Anblick sticht es im Kreuz. Ein doppelter Ladeboden wäre Balsam für die Bandscheiben, doch den gibt’s selbst gegen Aufpreis nicht.

Großer Touchscreen, bequeme Sitze

So überdreht der neue Micra von außen wirkt, so sachlich und nüchtern zeigt er sich innen. Für einen Kleinwagen sogar recht erwachsen. Das liegt vor allem am beruhigend geradlinigen Armaturenbrett. Herzstück im Innenraum ist der sieben Zoll große Touchscreen. Tasten und Knöpfe gibt’s nur noch wenige. Und die die geblieben sind, fühlen sich gut an. Klasse ist das große, illuminierte Ablagefach vor dem Schaltknauf. Smartphone, Zigaretten, Geldbeutel: Alles was sonst in den Jackentaschen steckt, passt hier rein. Lobenswert sind zudem die bequemen Sitze. Sie umschließen den seitlichen Rücken wohltuend und fangen Fahrer und Beifahrer in schnellen Kurven weich auf.

Damit im Innenraum keine Langeweile aufkommt, kann sich der Kunde seinen Micra ganz individuell aus 120 Farb- und Stoffkombinationen zusammenstellen. Dazu noch fünf Ausstattungslinien. Zusammen mit den ganzen Exterieur-Extras wie den Rallye-Streifen oder farblich abgesetzten Karosserieteilen dauert es daher ein Weilchen, bis der passende Wunsch-Micra konfiguriert ist. Vergessen Sie dabei bitte nicht die Assistenzsysteme. Der Micra bringt einige Sicherheits-Features mit, die Sie in dieser Klasse nicht unbedingt auf dem Schirm haben: Notbremsassistent, Verkehrszeichenerkennung, Fernlicht-, Spurhalte- und Totwinkelassistenten sowie eine 360-Grad-Kamera, die das Ein- und Ausparken des nach hinten doch unübersichtlichen Wagens erleichtert.

Leise und spritzig

So aufreißerisch wie er aussieht, fährt er sich zwar nicht, Nissans Neuer macht aber dennoch Spaß. Feinfühlig und direkt folgt der kleine Japaner Lenkeinschlägen. Und das etwas härtere Fahrwerk muss man eben mögen. Die 90-Turbobenziner-PS sind allemal genug, um den Micra durch die Stadt und übers Land zu scheuchen. Dreizylinder-Knattern unter Last oder untertouriges Röcheln? Hören wir nicht. Der Micra ist sogar so leise, dass wir die Drehzahlnadel ein bisschen im Auge behalten müssen, um die Gänge der Fünfgang-Box passend einzulegen.

Einstiegsmotorisierung ist der 75 PS starke und ausstattungsbereinigt rund 1.000 Euro netto günstigere Saugbenziner Micra 1.0 (10.915 Euro). Alle Motoren gibt es übrigens nur mit Fünfgang-Schaltung. Genauso wie die Karosserie nur mit fünf Türen. Ein CVT-Getriebe ist in Planung. Damit ist der Nissan Micra ein paar Hunderter preiswerter als ähnlich motorisierte Konkurrenten (Ford Fiesta 1.25 ab 11.596 Euro; VW Polo 1.0 ab 11.281 Euro). Alles zu teuer? Dann fragen Sie doch mal nach dem alten Micra. Der wird weiterhin in Indien gebaut und auch in Zukunft an den Rest der Welt ausgeliefert. Turban sei Dank.

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Datum

19. Januar 2017
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